Anzeiger, das ostschweizer Wochenmagazin 15.04.2015

Madame Tricot hat in der  Altstadt von Wil ihre Kunst ausgestellt. 
 Metzgerei zum Wilden Mann. Dort sind ihre Stricksachen ausgestellt.
Sie befasst sich zudem intensiv mit Blutegeln

Dominique Kähler Schweizer Maschen-Kunst zum Anbeissen.
Artikel von 15.04.2015 von Chefredaktorin Daniela Huijser und Foto von Mareycke Frehner

Sie nennt sich Madame Tricot und strickt Kunst, die über die Schweiz ­hinaus Aufsehen erregt. Dominique Kähler Schweizer ist aber auch noch in einem anderen Bereich eine Pionierin: Sie züchtet Blutegel.

von Daniela Huijser

Mit einer Flunder fing 2011 alles an. Dominique Kähler Schweizer dachte an den Weihnachtstagen an einen Fisch und begann, ihn zu stricken. Die versammelte Familie lachte und verlangte nach ­einem Poulet. «Ich nahm die Herausforderung an», sagt die exzentrische Wilerin mit den wilden, hellgrauen Locken und der auffälligen roten Brille. Das Poulet gelang. Und seither stehen die Stricknadeln nicht mehr still. Dominique Kähler Schweizer hat sich den Künstlernamen Madame Tricot gegeben und lismet fast pausenlos Lebensmittel, die verderblich sind: Würste, Käse, Kuchen und Torten. Alles ohne Zeichnung oder Muster. Die Objekte entstehen im Kopf der 66-Jährigen und werden über ihre Hände und die Stricknadeln zu täuschend echt aussehenden, dreidimensionalen Produkten. Im Zug, im Flugzeug, wenn sie aufs Essen wartet oder wenn das Interview länger dauert: Madame Tricot strickt. Es beruhige sie, sei wie Meditation, sagt sie. Und auch ein bisschen eine Sucht. Bei ihr daheim am Stadtrand von Wil sieht es aus wie in einem Wollladen. Alles ist nach Farben geordnet, wobei Blau und Violett nicht vorkommen, denn solche Lebensmittel gebe es kaum. Zuhause stehen auch vier Strickmaschinen. Damit fertigt sie Kleidungsstücke an, Schals aus Kaschmir oder Seide. Oder im Moment ein Gilet mit Blumen und Blättern.

Stolz auf den Förderpreis
Ihr Mann Beda Schweizer, mit dem sie seit 22 Jahren zusammen ist, trägt die Strickmanie seiner Frau mit Fassung. «Er ist stolz auf mich!» Die gebürtige Französin, die in Paris aufgewachsen ist, ist erfreut, aber auch etwas erstaunt über die Aufmerksamkeit, die ihre Maschenkunst seit zwei Jahren bei Museen (aktuelle Ausstellung im Agrarmuseum Burgrain im luzernischen Adliswil) und bei den Medien erregt. Jetzt bekommt sie sogar einen Förderpreis der St.Gallischen Kulturstiftung. «Das ist schöner als mein Doktortitel», sagt die Ärztin. 7500 Franken werden ihr am 8. Mai überreicht. Wolle werde sie damit aber nicht kaufen. «Vielleicht investiere ich das Geld in den Garten. Auf jeden Fall leiste ich mir etwas Besonderes!»

Anerkannte Blutegel-Expertin
Seit zwei Jahren ist Dominique Kähler Schweizer pensioniert, nachdem sie 40 Jahre als Psy­chiaterin und als Ärztin gearbeitet hatte. «Jetzt nehme ich mir Zeit für mich.» Zwei Nachmittage pro Woche ist sie noch in der Praxis, die sie zusammen mit ihrem Mann aufgebaut hat. Dort kümmert sie sich auch um die Blutegel, die sie züchtet. Während ­ihrer Zusatzausbildung zur Ärztin für Naturheilkunde lernte sie die kleinen, nassen Therapeuten und ihre vielseitige Wirkung kennen. «Zuerst war ich nicht so begeistert, doch dann hat es Klick gemacht.» Heute wendet sie die Therapie gegen ihre Rückenschmerzen an, die sie seit zehn Jahren plagen. Da der Bestand der wildlebenden Blutegel rapide abnimmt, sind sie geschützt. Deshalb sind Zuchtegel in Laborqualität gefragt. Dominique Kähler Schweizer kennt die Egel wie keine zweite; in den vergangenen Jahren hat sie drei Bücher über sie und ihren therapeutischen Einsatz geschrieben. «Damit bin ich bekannt geworden, lange bevor ich mit Stricken anfing.»

Jetzt geniesst sie die Freiheit, das machen zu können, was ihr Spass macht – ein bisschen Blutegel-Arbeit, ein paar Stunden die beiden Enkel hüten, ihren Blog führen und viel stricken. Im Moment klappern die Nadeln wieder rasant für das grosse Buffet – inklusive Wildschwein -, das sie an der Förderpreisverleihung präsentieren wird.



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