Migros Magazin 2014

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Migros Magazin

 Augenschmaus

Madame Tricot kreiert kulinarische Köstlichkeiten aus Wolle. Fürs Migros-Magazin hat sie eine Truffestorte mit Erdbeeren gestrickt. Wer sie nachbacken will, findet hier das Rezept dazu.

Nein, Socken und Lismerli mit Zopfmuster sind ihre Sache nicht. Dominique Kähler Schweizer (65) oder Madame Tricot, wie sich die Ärztin, Psychiaterin und Naturheilkundlerin mit Künstlernamen nennt, strickt Essen und inszeniert es lebensecht und opulent. Es sind dreidimensionale Stillleben aus unterschiedlichen kulturhistorischen Epochen. Momentan interessiert sich die Künstlerin für die 50er- und 60er-Jahre.

«Ich stricke meine kulinarischen Fantasien, denn Stricken macht mich nicht dick», erzählt die gebürtige Pariserin an einem sonnigen Nachmittag im Garten ihres Einfamilienhauses in Wil SG. So entstehen unter ihren Händen gerupfte Hühner, Fasane, Schweinsfüsschen und -köpfe, Schinken, Pasteten, Charcuterie, Käse, Früchte, Gemüse, Törtchen und Torten. Eben alles, was die Grande Cuisine an Extravaganzen zu bieten hat. Notabene gestrickt aus einem Stück und ohne Naht – Völlereien aus Wolle, Seide, Alpaca, Kaschmir, Mohair oder Pelzwolle. Überhaupt strickt die ehemalige Vegetarierin sehr fleischlastig, so, wie sie auch im richtigen Leben panierte Schweinsfüsse, eine Spezialität aus dem lothringischen Sainte-Menehould, und Kutteln liebt. Aber auch Desserts und dunkler Schokolade kann sie nur schwer widerstehen.

«Das Makabre lässt sich mit Wolle viel netter sagen»

Wenn man genau hinschaut, entdeckt man in ihren Objekten immer auch die Zeichen der Vergänglichkeit, Morbides. Die vertrocknete Zitrone im Maul eines Wildschweinkopfs zum Beispiel, da und dort Schimmel auf Würsten oder faulende Früchte. «Ich stricke nur das Verderbliche», sagt Dominique Kähler Schweizer, «mit Wolle sieht es einfach viel netter aus.»

Eines der Werke von Madame Tricot.Auch auf der Truffestorte, die sie eigens als kalorienarmes Pendant zum Rezept von «Saisonküche»-Köchin Lina Projer gestrickt hat, schaufeln zwei Spielzeugfiguren eine faulende Erdbeere weg. Das künstlerische Thema der umtriebigen Ärztin sind Grenzen und die Transformation, wenn ein Lebensmittel in die Fäulnis übergeht. «Schimmel wächst ja auch.» Deshalb wird ihr nächstes Projekt ein grosser Müllcontainer mit lauter verfaulten Sachen sein. Ein gestrickter Rattenschwanz ist auch darin vorgesehen.

Freies, zweckfreies Stricken hilft, ein Trauma zu verarbeiten

Sie sei ständig am Stricken, erzählt Dominique Kähler Schweizer. Selbst die dreijährige Ausbildung in Psychotraumatologie hat sie strickend absolviert. «Und ich war immer wach und bin nie eingeschlafen», sagt sie mit ihrem herzhaften Lachen. Als Psychiaterin weiss sie, dass Stricken ein hervorragendes Mittel ist, um beide Hirnhälften miteinander zu verbinden. Es helfe, ein Trauma zu verarbeiten, und tue auch Depressiven gut. Am besten sei Stricken ohne eigentlichen Zweck, wie es Pullover, Socken oder Schals sind. Wenn man wie sie ohne Muster oder Vorlage arbeitet und sich das Objekt einfach vorstellt, fokussiert sich der Geist aufs innere Bild und lässt schlechte Gedanken vorbeiziehen.



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